Mittwoch, 22. Juli 2009

Schlussbotschaft

Ich kann eine freudige Botschaft verkünden: Ja, ich bin wieder zuhause. "Wie?", ich sehe förmlich euren erstaunten Blick, "das ist sie doch schon seit einer ganzen Weile...?" Ja, das ist zwar richtig, es ist jedoch ein großer Unterschied, ob man nur rein physisch nach einem Jahr zufällig wieder einmal in dem Wohnzimmer sitzt, das man 19 Jahre lang als "unser" Wohnzimmer kannte, oder ob man wirklich tatsächlich auch zuhause angekommen ist. Letzteres ist der Fall: Ich bin nicht nur auf Ferien zuhause. Ich bin wirklich da.

Es dauert eine ganze Weile, bis das Gehirn dieses kleine, aber sehr bedeutende Detail begreift. Ein jeder Ort, ein jedes Land, hat seinen eigenen Flow, eine eigene Geschwindigkeit, einen eigenen Rhythmus, an den man sich bei seiner Rückkehr erst wieder anpassen muss. Zumal wenn man plötzlich freiheitsgewohnt, schul- und arbeitslos, wieder bei seiner Familie wohnt, wo jeder seinem Arbeitsalltag nachgeht. Die ersten Tage entsprechen quasi der groben Orientierung: Wann passiert was, wer ist wo, wo ist was und wo sollte ich in diesem Chaos sein? Man ist ständig irritiert, wenn jemand Deutsch redet, und bass erstaunt, bis einem einfällt: Wir sind in Deutschland. Die dürfen das.
In der zweiten Phase folgt das Fernweh, die Erkenntnis, dass man seinen neuen Lebensstil, das neue Ich, hier nicht einbauen kann und mehr und mehr wieder zurück in den "Vor-Ausland-Zustand" verfällt - diese Phase hab ich geschickt mit Kurzausflügen ins europäische Ausland kaschiert, wobei ich fürchte, dass ich sie dadurch noch weiter in die Länge gezogen habe...
Die dritte Phase ist die Feinjustierung, man hat sich abgefunden und mit dem neuen Zustand angefreundet, sich umgewöhnt und ist nun endlich wieder halbwegs zu neuen Schandtaten bereit. Da bin ich jetzt.
Ein wenig ist es so, wie meine ersten Monate in Neuseeland, bloß andersherum. Erst die große Aufregung, huch alles ist anders und aufregend, dann der Schock, oh gott, es ist wirklich anders und irgendwie komisch, und dann die Gewöhnung, es ist halt anders, aber toll.

Eine weitere Eigenschaft von Auslandsheimkehrern: Sie quillen über von dem Erlebten, wollen gern von ihren vielen, wunderschönen Erlebnissen erzählen, um die sich in ihren Köpfen immer noch alles dreht - und sind zutiefst überfordert bei der Frage "Und, wie war's?!"
Toll, großartig, manchmal auch beängstigend, aufregend, schwierig. All das möchte man laut herausschreien, belässt es dann aber doch bei den ersten beiden Adjektiven. Genauso wie man selber damit überfordert ist, ein gesamtes Jahr in einen genügend detaillierte, aber ausreichend kurze Antwort zu verpacken, ist der Fragende damit überfordert, die richtige Frage in dieser schwierigen Situation zu stellen. Denn eine einzige kann gar nicht alles umfassen - oder zumindest ist die einzige, die es könnte, völlig unzureichend (s.o.).

So manchen scheint das auch gar nicht zu interessieren: Schließlich haben sich die wirklich wichtigen Dinge hier zuhause abgespielt! Wer da nicht dabei war, hat selber schuld, aber nun ist man ja zurück und kann wieder einsteigen. Doch halt, moment. Wieder einsteigen? Das klingt ja gerade so, als wär ich einfach ein Jahr verschwunden und nun aus dem Nichts wieder aufgetaucht? Die Weltenbummlerin rauft sich die Haare und ist froh, dank ihrem objektiven welterfahrenen Blick zu erkennen, dass sie im letzten Jahr mit all den lokalen Schlammschlachten und Seifenopern hier nichts wichtiges verpasst hat. Das wirklich Wichtige passiert schließlich da draußen... Die Wahrheit liegt jedoch wie immer in der Mitte und es ist gut, auch wieder mit Nicht-Nomaden zu verkehren und zu erkennen, dass man auch mit einer Ausbildung bei der Deutschen Bank sehr glücklich sein kann.

Eine gewisse Rastlosigkeit bleibt jedoch, verständlich, schließlich war ich ständig in Bewegung, reisen, reisen, immer weiter, immer neue Eindrücke, eine wahre Flut. Das plötzliche Fehlen dieses ständigen Inputs reißt ein großes schwarzes Loch auf, auch bekannt unter dem Namen Phase 2 (s.o.). Es ist die Angst davor, dass es das jetzt gewesen sein könnte, dass das ganze Jahr mich doch nicht so sehr weiter gebracht hat, wie ich gedacht hatte, dass die Erinnerungen zunehmend verblassen werden und weiter nichts als ein paar bunte Fotos übrigbleiben von dem Jahr, das ich zwischenzeitlich zum Schlüsselerlebnis meines Lebens auserkoren hatte. Doch so ist es gott sei dank nicht, das was bleibt, ist bloß viel unterschwelliger und unterbewusster, als dass man es herumtragen könnte wie einen neuen Haarschnitt. Und dieses schöne Wissen verursacht nun, dass mir ständig die Finger kribbeln. Die Welt ist groß, allein schon Deutschland ist groß! Wo geht es weiter mit Entdecken? Die Entdeckung eines kleinen Landes im pazifischen Ozean hat mir klar gemacht, wieviel mehr Puzzlestücke diese Erde hat, die es zu entdecken, verstehen und zusammenzusetzen gilt. Genau wie Puzzeln süchtig machen kann, ist auch Weltenbummeln wie eine ansteckende Krankheit...

Und wenn dann das Puzzle fertiggestellt ist, werde ich immer wieder zur rechten unteren Ecke zurückkehren, zu dem Land aus zwei Hälften, und vor meinem inneren Auge sehe ich grüne Wiesen und tausend Schafe, die schneebedeckten Berge im Hintergrund, weiß- und schwarzsandige Strände. Wir fahren noch einmal die kurvige Straße von Raglan nach Süden zum Surfstrand und singen lauthals mit Amy Macdonald "And you're singing the songs/Thinking this is the life/And you wake up in the morning and your head feels twice the size/Where you gonna go? Where you gonna go?/Where you gonna sleep tonight?" und Lisa trommelt dazu auf dem Steuerrad. Und Liz und ich tanzen in einem Club in Tauranga, während Kathi mit Padraig in eine Ecke verschwunden ist, und mit den Kings of Leon tanzen wir in den Morgen "If it's not forever, if it's just tonight/ oh, it's still the greatest, the greatest..." und dann kommt der Refrain und alle hüpfen und pogen herum wie ein Haufen Flummibälle "Yeah, your sex is on fire...". Und ich sitze noch einmal auf Pilgrim, geb die Zügel frei und galoppiere dem Sonnenuntergang den Berg hoch entgegen oder rutsche mit Lucy noch einmal die tollste und aufregendste Wasserrutsche der Welt, mitten im Busch, umgeben von 3m hohen Farnen, irgendwo im Nirgendwo. Wenn etwas diesen Trip geprägt hat, dann war es dieser Aspekt, nie auf dem Weg irgendwohin oder irgendwoher, sondern nur im Hier und Jetzt.
Und wenn ich wieder auftauchen möchte aus dieser Zauberwelt, dann erinnere ich mich einfach daran wie ich vor Langeweile Kinderlieder singend Kiwis packe.

Hiermit verabschiede ich mich nun von euch, meinen lieben Lesern. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Blog bis zum Ende durchhalte und habe mich dann aber doch immer wieder darauf gefreut, meine kleinen Geschichten und meine Reise mit euch zu teilen. Falls ich bei dem einen oder anderen auch die Abenteuerlust geweckt habe und den Wunsch, die Welt oder zumindest Neuseeland zu entdecken, dann umso besser! Auch wenn die Kommentarfunktion ja schmählich vernachlässigt wurde, konnte ich anhand des kleinen Buttons mit der Weltkugel drauf (s. links) sehen, dass doch mehr Menschen als nur Family and Friends den Blog verfolgen, was mich überrascht und angespornt hat. Zugleich war der Blog auch etwas wie mein persönliches Tagebuch, das auf jeden Fall gehütet und aufbewahrt wird. Wer nun noch ein letztes Mal Fotos betrachten, Texte lesen oder einen Kommentar verfassen möchte, der sei herzlich willkommen, ansonsten sage ich: Good bye und auf Wiedersehen, macht es gut und seid herzlich gegrüßt von eurer heimgekehrten Juliana

“Twenty years from now you will be more disappointed by the things that you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.”

M. Twain

3 Kommentare:

Unknown hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Unknown hat gesagt…

Tiens, dieses Zitat kenn' ich doch... ;-)
Schade dass du hiermit deinem Schreiben ein Ende setzt (oder zumindest hier). Obwohl ich mich jetzt wiederholen werde, sage ich es dir nochmal: du hast wirklich Talent! Deine Wortwahl ist perfekt, deine Beobachtungen haarscharf und die Gefühle wunderbar ausgedrückt. Danke für dieses wahre Lesevergnügen! Wünsche dir alles Liebe auf deinem Weg, ich bin mir sicher dass dich noch einige tolle Reiseerfahrungen erwarten! :)
(neugierig: hat dein zukünftiges Studium etwas mit Schreiben oder Sprachen zu tun? ;) )

Anonym hat gesagt…

Reisen bildet - mitlesen auch.
Auch wenn ich das meiste nicht mitlesen konnte (es gibt ja auch hier viel zu tun und zu erleben), habe ich immer wieder mal gerne nach Neuseeland geschaut.
Und immerhin 1-2 Kommentare geschafft :-).
Also von hier auch noch einmal: Herzlich willkommen im engen, häufig überregulierten Deutschland.

Michael Z.