Montag, 8. Juni 2009

Tagträumen

Ein bisschen schlafwandelnd komme ich mir vor. Obwohl - das ist vielleicht missverständlich ausgedrückt. Ich komme mir vor, als wäre ich gar nicht wirklich schon hier, sondern würde das alles nur träumen. Es scheint mir immer noch sehr unwirklich, die Gegensätze zwischen Neuseeland und dem guten alten Deutschland sind einfach zu groß, als dass es mir plausibel erscheinen könnte, dass ich mal eben um den halben Erdbal gejettet bin und nun wieder daheim zu sein. Und ja nun schon zum zweiten Mal halb herum! Und noch mit Zwischenstop in Hong Kong! Heutzutage kann mal so schnell um den Globus flitzen, dass das Hirn kaum Zeit hat, da mitzuhalten und sich überhaupt erstmal bewusst zu machen, wo man gerade ist. Vielleicht war ich ja auch die ganze Zeit wach und nur Neuseeland war ein Traum? Das würde erklären, warum es mir scheint, als wäre ich nie weggewesen. In Lübeck geht alles seinen gewohnten Gang, den Gang, den jedermann auch schon vor hundert Jahren ging. Ein bisschen einen auf Großstadt markierend, aber dann doch irgendwie auf halbem Wege beschließend, dass die Stadt dafür zu süß aussieht und man stattdessen lieber mit Sonnenbrille und überschlagenen Beinen in der Sonne sitzt und einen Latte Macchiato trinkt.
Ich komme mir ein bisschen fehl am Platze vor, jeder hat einen Plan, jeder ist auf dem Weg irgendwohin oder irgendwoher und sei es auch nur auf dem Weg zum dritten Latte Macchiato des Tages. Und irgendwo zwischen diesen beschäftigten Menschen sitze ich und reibe mir verwundert die Augen. Denn ich mache einfach das weiter, was ich das letzte Jahr auch schon gemacht habe: Ich lebe in den Tag hinein, habe keinen Plan oder nur einen etwas genereller gefassten und stelle erstaunt fest, dass das überhaupt nicht ins geschäftige Deutschland passt. "Was ist denn hier eigentlich los?", denke ich, als ich mit überschlagenen Beinen in der Sonne sitzend einen Cappuccino trinke, einfach, weil ich sonst nichts anderes zu tun habe. Drei Männer im Anzug und mit Aktentasche hasten vorbei. "Alles und nichts.", antworte ich mir selbst, hatte ich doch gerade vor ein paar Tagen festgestellt, dass Lübeck Mittwoch abends tot ist und sich das von mir in Neuseeland so gepriesene europäische Nachtleben von seiner schlechtesten Seite zeigt. Baue ich mir eben meinen eigenen Veranstaltungskalender, wird ohnehin Zeit die ganzen lieben Leute wiederzutreffen, die das letzte Jahr so weit weg waren und die ich nun aus allen Himmelsrichtungen wieder zusammen sammeln muss. Wer ist eigentlich wohin und ist dings immer noch mit dongens zusammen? Sieh an, es hat sich ja doch was verändert!
Meine Mutter und meine Schwester, die sich in meiner Abwesenheit zur Mode-Ikone gemausert hat, haben derweil beschlossen, dass meine Backpackergarderobe oder zumindest das, was noch davon übrig ist, nicht dem adretten lübschen Standard entspricht und mich in Begleitung meiner persönlichen Stylistin Nikola zum Einkaufen geschickt. Danach war der Friseur dran und meine zugegebenermaßen strohige, wuschelige und sonnenblondierte Surfermähne musste dran glauben. Da soll noch einer die gerade mühsam errungene traditionelle Travellereinstellung "Geld und Besitz mag zwar manchmal angenehm sein, ist aber definitiv nicht wichtig." wahren!
Inzwischen lerne ich auch die andere Seite des Couchsurfings kennen, oder zumindest teilweise, ich hoste zwar niemanden, aber latsche den halben Tag mit einem Iren durch die Stadt und versuche ihn für mittelalterliche Backsteingotik zu begeistern, während er eigentlich nur auf der Suche nach dem nächsten Irish Pub ist. Um dann festzustellen, dass dort kein Fernseher mit dem irischen Sportprogramm vorhanden ist und die Bedienung nicht mal Englisch spricht... was ich dann aber mit Begeisterung tue.
Vor ein paar Tagen fiel mir mein altes Biobuch in die Hände, was definitiv nicht in mein Zimmerregal, sondern in die Schule gehört und so machte ich mich auf den Weg zu der Institution, die mein Leben bis zu meinem Neuseelandabenteuer ziemlich geprägt hat: Meiner alten Schule. Bis auf das neu gestrichene blaue Schultor war alles beim alten, viele bekannte Gesichter, aber auch sehr viele neue. Seltsam zu wissen, dass dies nun nicht mehr meine Schule ist. Dennoch wurdeich mit offenen Armen empfangen und gleich von mehreren Lehrern ausgequetscht, was ich denn das vergangene Jahr getrieben hätte. "Ooh, Neuseeland! Ah, Work&Travel! Ja, und nun Studium?" - sagten sie und rauschten davon, zur nächsten Klasse, zum nächsten Raum, zum nächsten Ziel.

2 Kommentare:

Laura hat gesagt…

Mein liebes Julchen!

Schoen zu hoeren, dass du gut zu Hause angekommen bist... Mir stehen noch magere neun Wochen in NZ bevor, bis ich wieder nach Hause muss. Und ja, man fuehlt sich so voller Vorfreude und gleichzeitig doch so nomadisch, dass es einem im Herzen weh tut, dieses wunderschoene Land zu verlassen!

"You can check out any time you want, but you can never leave!"

Ich drueck dich ganz feste, auch von David einen lieben Gruss!

Laura

Laura hat gesagt…

P.P.S. Denk immer an "yummy, yummy, yummy - yummy, yummy, yummy - yummy, yummy, yummy - YUMMY!!!

P.P.S. Die bei Brothers and sisters drehen grade total am Rad! Der Politikeronkel (die beiden, die das Baby adoptieren wollen) muss wahrscheinlich in den Bau! Muss.Fernsehen.Aufregend!

Knutscher